Denis Matsuev

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"In Sotschi konnte ich endlich durchatmen"

Der Pianist Denis Matsuev trat bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele auf. Er genießt die Luft in Sotschi, ist stolz auf sein Land und schaut mit Sorge nach Kiew. 


ZEIT ONLINE: Herr Matsuev, sind Sie gerade in Sotschi?

Denis Matsuev: Jawohl, ich sitze auf der Tribüne und schreie mir die Kehle aus dem Hals. Ich war schon in Atlanta dabei, dann in Salt Lake City, Turin, Peking und London. Ich bin ein Olympia-Fan, und ich muss sagen: Die Atmosphäre in Sotschi ist absolut einzigartig, unsere Sportler sind gut dabei, die Helfer sind unglaublich freundlich. Ein richtiges Festtagsgefühl.

ZEIT ONLINE: Interessieren Sie sich für Wintersport? Eigentlich sind Sie als Fan vom FC Spartak Moskau bekannt.

Matsuev: Sehen Sie, in meiner Heimatstadt Irkutsk habe ich im Sommer Fußball und im Winter Eishockey gespielt. Ich war bis zum 15. Lebensjahr im Verein. Ich war Kapitän der Eishockey-Jugendmannschaft von Irkutsk, linker Angriffsspieler.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Niederlage der russischen Eishockey-Nationalmannschaft gegen Finnland erlebt?

Matsuev: Das war ein schwerer Schlag. Eishockey ist in Russland ein besonderes Thema. Hier treffen sich die besten Teams der Welt, sieben Mannschaften könnten Gold gewinnen. Jetzt müssen wir weitermachen. 

ZEIT ONLINE: Können Sie die Kritik an den Olympischen Spielen in Sotschi nachvollziehen, an den Kosten oder der Umweltbelastung?

Matsuev: Wenn man etwas Kreatives macht, kommt man ohne Kritiker nicht aus. Man müsste sich eher Sorgen machen, wenn es keine Kritik gibt. Hier wurde ein ganzer Urlaubsort von Weltniveau erbaut, mit einzigartiger Infrastruktur, Straßen und Bahnverbindungen. Auch die Anlage in Krasnaja Poljana ist großartig.

ZEIT ONLINE: Wie gut kennen Sie die Stadt?

Matsuev: Oh, sehr gut, von Kindheit an. Wir waren hier oft im Urlaub. Jedes Jahr im Sommer organisiere ich hier ein Festival für junge Musiker. Und ich muss Ihnen sagen: Von der Umweltbelastung merke ich nichts. Kürzlich hatte ich das erste Mal in meinem Leben eine Lungenentzündung. Ich lag im Krankenhaus und musste meine Konzerte in den USA, Israel und Berlin absagen. Als ich dann in Sotschi war, konnte ich endlich durchatmen. Das Klima hier ist einfach unglaublich. Allerdings kam ich aus Moskau, die Luft dort ist ein Albtraum. So weit ich weiß, sagen Experten, dass die Umweltsituation in Sotschi sich verbessert hat. Ich bin natürlich kein Fachmann, aber mein Eindruck ist gut.

ZEIT ONLINE: Sie sind bei der Eröffnung der Olympischen Spiele aufgetreten. Wie haben Sie die Zeremonie erlebt?

Matsuev: Das war ein tolles Schauspiel. Gut fand ich, wie die russische Kultur präsentiert wurde. Ich habe natürlich speziell auf die Musik geachtet, und es gab einige Volltreffer, wie den Ball aus Krieg und Frieden. In London waren es große Rockmusiker, unsere Visitenkarte ist eben die klassische Musik. Wir haben etwas, worauf wir stolz sein können. Unsere Kultur ist viel wichtiger als unsere Bodenschätze, und sie kann helfen, das Image Russlands im Ausland zu verbessern. Ich setze mich für junge Musiker ein und hoffe, dass die russische Kultur in der Welt an Bedeutung gewinnt.

ZEIT ONLINE: Am Dienstag wurden in Sotschi Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa verhaftet. Sie machen zwar keine klassische Musik, betrachten sich aber als Künstlerinnen. Was halten Sie von Pussy Riot?

Matsuev: Eine schwierige Frage. Meiner Meinung nach vermischen sich hier Politik und Provokation. Aber ich kann mich nicht wirklich dazu äußern. Für mich ist das kein Ereignis, das Ereignis sind die Olympischen Spiele.

ZEIT ONLINE: Überschatten die Ereignisse in Kiew die Spiele in Sotschi?

Matsuev: Was in Kiew passiert, ist für mich eine Tragödie. Meine Mutter stammt aus Kiew, die Stadt ist wie eine zweite Heimat für mich. Ich habe sehr viele Freunde dort. Mit ihnen telefoniere ich regelmäßig, sie halten mich auf dem Laufenden. Noch im November habe ich dort einen Jugendmusikwettbewerb organisiert, und wenige Tage später nahmen diese traurigen Ereignisse ihren Lauf. Wenn man an die Toten denkt, ist das eine Katastrophe. Egal, wofür man eintritt, keine Auseinandersetzung darf in Blutvergießen enden. Alle Konflikte sollten durch Gespräche gelöst werden.

ZEIT ONLINE: Finden Sie, dass die Ukraine zur russischen Kultur gehört?

Matsuev: Kultur und Talent, das sind im Grunde keine nationalen Dinge. Ich rede lieber von meinem Publikum, und ich will es nicht nach Nationalitäten trennen. Aber wenn ich in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion unterwegs bin, in Kasachstan, Weißrussland oder Aserbaidschan, dann sehe ich mein Publikum. Ein Publikum, das mit der sowjetischen Kultur aufgewachsen ist. Ukrainische Dichter wie Taras Schewtschenko oder Komponisten wie Mykola Lysenko gehören natürlich auch zu mir. Russisch oder nicht russisch, die Unterscheidung ist doch Unsinn.

ZEIT ONLINE: Was wird von Olympia in Sotschi bleiben?

Matsuev: Ich hoffe, dass die Stadt nicht nur für Reiche attraktiv sein wird, sondern auch für ganz normale Leute, für die Mittelschicht. Mir missfällt die Preispolitik. Ich denke, das wird das Hauptproblem Sotschis nach den Olympischen Spielen sein. Der Staat muss sich für eine Lösung einsetzen. Schließlich ist Sotschi ein absolut einzigartiger Urlaubsort.

VON Pavel Lokshin


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